dbb magazin 7-8/2024

standort Deutschland prägen. Während in Griechenland, unterfüttert mit finanziellen Anreizen, die Sechs-Tage-Woche wieder eingeführt wird, werde in Deutschland so wenig gearbeitet wie nie zuvor. Statt Modelle für eine Vier-Tage-Woche und Teilzeitvarianten zu entwickeln, tue es not, mehr Menschen in Vollzeitbeschäftigung zu bringen. Doch die, so der Vorwurf, zeigten sich störrisch im Hinblick darauf, ihr Arbeitskräftepotenzial voll auszuschöpfen. „Sind die Deutschen zu faul?“, übertitelte jüngst der „Focus“ eine Geschichte zum Thema. Was ist dran an diesen Thesen? Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem April 2024 haben die Deutschen 2023 zusammengenommen 55 Milliarden Stunden Lohnarbeit geleistet. Das ist mehr als je zuvor. 1991 waren es noch 52 Milliarden Stunden, 2005 nur 47 Milliarden. Gleichzeitig ist die tatsächliche Wochenarbeitszeit der Beschäftigten seit 1991 stetig gesunken: von 39 Stunden auf zuletzt 36,5 Stunden. „Das Gesamtarbeitsvolumen ist vor allem gestiegen, weil immer mehr Frauen erwerbstätig sind“, so Studienautor Mattis Beckmannshagen in der „Zeit“. Der Anteil der erwerbstätigen Frauen lag 2022 bei 73 Prozent; das sind 16 Prozentpunkte mehr als 1991. Frauen arbeiten im Schnitt 33 Stunden die Woche, Männer 40. Zankapfel Teilzeit Das Problem aus Sicht von Wirtschaftsvertretern und Politik: 30 Prozent der Beschäftigten, insbesondere Frauen, arbeiten in Teilzeit; Lohnarbeit, versteht sich. Denn Frauen leisten prozentual einen weit größeren Anteil an unbezahlter sogenannter Care-Arbeit in Haushaltsführung, Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen als Männer. Knapp 30 Prozent der in Teilzeit beschäftigten Frauen würden gern mehr arbeiten – gäbe es denn beispielsweise genügend gut ausgestattete Einrichtungen für Kinderbetreuung und Pflege. Genau daran aber fehlt es. Gleichzeitig sind gerade in diesen Bereichen überproportional viele Frauen beschäftigt, die sich angesichts der dort herrschenden chronischen Überlastung zu einer 40-Stunden-Woche oft gar nicht mehr in der Lage sehen. Der Anteil junger Menschen in Teilzeit wiederum hat sich erhöht, weil immer mehr junge Menschen studieren. Wer daneben arbeiten muss, für den kommt nur Teilzeit infrage. Eine weitere Krux: Während Frauen ihre Erwerbstätigkeit tendenziell gern ausbauen würden, wünschen sich Männer Umfragen zufolge häufig das Gegenteil. Die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern sich. Und die Vorstellungen, wie sich Arbeitszeit gestalten lässt, auch. Flexibilität ist gefragt Je nach Branche und Aufgaben bieten sich schon jetzt zahlreiche Möglichkeiten weg vom starren Acht-Stunden-Tag: durch Gleitzeit (mit oder ohne Kernzeit), Funktionszeit (die sicherstellt, dass trotz variabler Arbeitszeitmodelle Kundendienstzentren beispielsweise durchgängig besetzt sind), Vertrauensarbeitszeit (die sich an der Erfüllung von Ziel- statt Stundenvorgaben orientiert) oder Homeoffice. Mütter, so zeigte sich in einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Prognos, wünschen sich gar nicht unbedingt einen Betriebskindergarten, sondern Rücksichtnahme ihres Arbeitgebers auf die Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen. Das heißt konkret: Geschäftstermine so zu organisieren, dass sie in familienfreundlichen Zeitfenstern liegen. Die Arbeitszeit bei Bedarf aufstocken oder reduzieren zu können, ohne dass daraus Karrierenachteile entstehen, ist für sie ebenfalls wichtig – beispielsweise durch Führung in Teilzeit. Väter wiederum präferieren laut dieser Studie Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice, um ihre wöchentliche Arbeitszeit und den Arbeitsort so gestalten zu können, dass sie auch Zeit für ihre Familie haben. Zu 45 Prozent wünschen sie sich von ihren Arbeitgebern eine aktive Ermutigung zur Elternzeit. Wer Angehörige pflegt, hat wiederum andere Bedürfnisse. Hier stehen Planbarkeit der Arbeitsbelastung und die Erfassung der Arbeitszeit im Vordergrund. Denn spontane Änderungen und häufige Überstunden lassen sich mit den Anforderungen der Pflege nicht vereinbaren. Dass diese Lebensumstände ebenso berücksichtigt werden wie die Verantwortung für Kinder, ist für pflegende Angehörige daher von wesentlicher Bedeutung. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber stellen diese unterschiedlichen Vorstellungen vor erhebliche Herausforderungen. Arbeitsprozesse müssen umgestellt, Dienstpläne kleinteilig austariert, Mitarbeitende so eingesetzt werden, dass der Laden trotzdem läuft – die Produktivität der Unternehmen mithin aufrechterhalten oder noch gesteigert werden kann. Auf der Suche nach Lösungen wird mittlerweile viel experimentiert, denn eines zeigt sich ganz deutlich: Wer Arbeitskräfte an sich binden und neue gewinnen möchte, muss sich bewegen. Pilotprojekt Vier-Tage-Woche Viel diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Vier-Tage-Woche. Nachdem bereits in verschiedenen Ländern, darunter Großbritannien, Modellprojekte dazu durchgeführt wurden, ist im Februar 2024 auch eines in Deutschland gestartet. Initiiert von der Unternehmensberatung Intreprenör und wissenschaftlich begleitet von der Universität Münster, testen 45 Unternehmen für ein halbes Jahr, wie ein solches Modell jeweils aussehen kann. Und, natürlich, ob es sich rechnet. Deutlich wurde dabei schnell: Es ist komplizierter als gedacht. Laut eines Zwischenberichts schlossen sich 40 Prozent der Firmen erst im März oder noch später dem Teilzeitarbeit kam erst in den 1950erJahren auf und wurde besonders von Frauen in Anspruch genommen. © Bundesarchiv, Bild 183-28829-0020/CC-BY-SA 3.0 FOKUS 17 dbb magazin | Juli/August 2024

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